Neuigkeiten

Warum vier von fünf Menschen kein Hörgerät tragen

12 Min. Lesezeit
Ruhiges Schlafzimmer-Stillleben mit einer Brille auf einem Nachttisch im warmen Morgenlicht

Nur wenige der Menschen, die von einem Hörgerät profitieren würden, tragen tatsächlich eines – und das ist kein neues Phänomen. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde NIDCD hat weniger als jeder dritte über 70-Jährige mit entsprechendem Hörverlust jemals ein Hörgerät benutzt, bei den 20- bis 69-Jährigen sind es sogar nur rund 16 Prozent. Warum so viele Menschen kein Hörgerät tragen, lässt sich nicht allein mit Kosten oder Bequemlichkeit erklären. Ein Teil der Antwort liegt in etwas, das zunächst nebensächlich wirkt: wie diese Geräte aussehen und was sie über ihre Träger verraten.

Warum so viele Menschen kein Hörgerät tragen: die Zahlen im Überblick

Hörverlust ist im Alter weit verbreitet. Laut NIDCD haben etwa 5 Prozent der 45- bis 54-Jährigen einen alltagsrelevanten Hörverlust, bei den 55- bis 64-Jährigen sind es 10 Prozent, bei den 65- bis 74-Jährigen 22 Prozent und bei den über 75-Jährigen bereits 55 Prozent. Mit dem Alter wächst also nicht nur der Bedarf, sondern auch die Zahl der Menschen, die eine Entscheidung über ein Hörgerät treffen müssten – und sich in der Mehrheit der Fälle dagegen entscheiden.

Eine der meistzitierten Arbeiten zu diesem Thema stammt von Abby McCormack und Heather Fortnum, veröffentlicht 2013 im International Journal of Audiology. Die beiden werteten zehn Studien zur Nichtnutzung von Hörgeräten aus und kamen zu einem deutlichen Ergebnis: Rund 40 Prozent der 55- bis 74-Jährigen haben einen altersbedingten Hörverlust, doch etwa 80 Prozent der Erwachsenen in dieser Gruppe, die von einem Hörgerät profitieren würden, nutzen keines. Selbst unter denjenigen, die bereits ein Gerät verordnet bekommen haben, tragen viele es im Alltag nicht.

Die Gründe, die McCormack und Fortnum aus der Literatur herausarbeiteten, sind vielschichtig: der wahrgenommene Nutzen, Passform und Tragekomfort, Wartungsaufwand, Kosten, psychosoziale und situative Faktoren, die Haltung von Fachpersonal, Probleme mit dem Ohr – und das äußere Erscheinungsbild. Am häufigsten genannt wurden ein geringer wahrgenommener Nutzen und mangelnder Tragekomfort. Das Aussehen stand nicht an erster Stelle, tauchte aber in der großen Mehrheit der ausgewerteten Studien als relevanter Faktor auf.

Stigma als unterschätzter Grund

Was „Erscheinungsbild“ in der Forschung konkret bedeutet, lässt sich an mehreren Einzelstudien festmachen, die eine Übersichtsarbeit von Edward Madara und Achintya Bhowmik aus dem Jahr 2024 im Fachjournal Audiology Research zusammengetragen hat. Darin wird eine Befragung von Sergei Kochkin aus dem Jahr 2007 zitiert (MarkeTrak VII, veröffentlicht im Hearing Journal), nach der 48 Prozent der potenziellen Nutzerinnen und Nutzer angaben, dass Stigma zu ihrer Zurückhaltung gegenüber Hörgeräten beiträgt.

Eine Befragung von Sindi und Kolleginnen aus dem Jahr 2023 im Fachjournal Cureus (517 Teilnehmende) ergab, dass 40,3 Prozent Hörgeräteträgerinnen und -träger unbewusst als „behindert“ oder „auf zusätzliche Unterstützung angewiesen“ wahrnehmen – eine Zuschreibung, die nichts mit der tatsächlichen Leistungsfähigkeit der Person zu tun hat, aber die Entscheidung für ein sichtbares Gerät beeinflusst. Eine Auswertung mehrerer Studien von David und Werner aus dem Jahr 2016 in der Fachzeitschrift Stigma and Health kommt zu dem Ergebnis, dass in rund einem Drittel der untersuchten Arbeiten (33,3 Prozent) Stigma als Hauptgrund für die Nichtnutzung genannt wurde.

Besonders anschaulich beschreibt das die Gerontologin Margaret Wallhagen in ihrem oft zitierten Aufsatz „The Stigma of Hearing Loss“, erschienen 2009/2010 im Fachjournal The Gerontologist. Sie führt drei eng verknüpfte Faktoren an: ein verändertes Selbstbild, Altersdiskriminierung und schlicht Eitelkeit. Wallhagen zitiert dabei auch eine vieldiskutierte Zahl – rund 65 Prozent der Menschen mit Hörverlust würden ein kostenloses, staatlich bereitgestelltes Hörgerät ablehnen. Diese Zahl geht allerdings auf eine Sekundärquelle (Amlani, 2009) zurück, zu der keine veröffentlichte Methodik vorliegt. Sie wird in der Fachliteratur immer wieder angeführt, sollte aber als vielzitierte Schätzung und nicht als eigenständig überprüfter Befund gelesen werden.

Bemerkenswert ist dabei ein Detail, das die Übersichtsarbeit von Madara und Bhowmik aus einer Forbes-Health-Umfrage (Alcido, 2024) zitiert: Der Glaube an ein Hörgeräte-Stigma ist nicht etwa bei älteren Generationen am stärksten ausgeprägt, sondern bei jüngeren. Unter Millennials stimmten 63 Prozent der Aussage zu, dass Hörgeräte stigmatisiert seien, bei der Generation X waren es 47 Prozent und bei den Babyboomern 41 Prozent. Als größte soziale Hürde nannten die Befragten in derselben Umfrage, in lauten öffentlichen Situationen – etwa am Flughafen – klar zu verstehen, was gesagt wird. Das deutet darauf hin, dass Stigma kein Phänomen ist, das mit dem Alter automatisch verschwindet, sondern eher ein kulturelles Bild, das sich über Generationen hinweg hält.

Zwei Objekte, zwei gegensätzliche Wege

Was die Zahlen nicht automatisch zeigen, erschließt sich leichter mit einem Blick in die Designgeschichte. Zwei Alltagsgegenstände, die beide Sinnesleistungen unterstützen, haben im 20. Jahrhundert fast entgegengesetzte Wege eingeschlagen.

Das Hörgerät: jahrzehntelang auf Tarnung ausgelegt

Die Ausstellung „Deafness in Disguise“ der Becker Medical Library an der Washington University School of Medicine dokumentiert diese Entwicklung im Detail. 1947 kam mit dem Acousticon A-100 noch ein einteiliges Röhrengerät auf den Markt. Als der Transistor verfügbar wurde – Hörgeräte waren 1952 das erste kommerzielle Produkt überhaupt, das ihn nutzte, zwei Jahre vor dem ersten Transistorradio –, begann ein regelrechter Wettlauf um Unsichtbarkeit.

  • Brillenhörgeräte kamen 1954 auf den US-Markt und hatten 1959 bereits etwa die Hälfte des Marktanteils – Modelle wie Beltone „Hear-N-See“ (1955) oder Danavox „Lunettes“ (1955) versteckten die Technik in Brillenbügeln.
  • Hinter-dem-Ohr-Geräte folgten Ende der 1950er und wurden bewusst unter dem Haar getragen. Das Zenith „Diplomat“ von 1956 wog weniger als eine Unze und hatte bis Anfang der 1960er die Brillenmodelle überholt.
  • Im-Ohr-Geräte wie das Dahlberg D-10 „Miracle Ear“ (1955) und spätere vollständig im Gehörgang verschwindende Modelle (z. B. Oticon I-21, 1987–1991) trieben die Miniaturisierung weiter voran.

Bis 1996 wurden rund 80 Prozent aller in den USA verkauften Hörgeräte vollständig im Ohr getragen – unsichtbar war über Jahrzehnte das erklärte Entwicklungsziel. Erst in den 1990er-Jahren versuchten einige Hersteller den umgekehrten Weg und entwarfen Geräte, die bewusst auffielen: mit Edelsteinen, Blumen- oder Blattmotiven, in bunten Gehäusen. Der Versuch blieb eine Randerscheinung, verglichen mit dem Grundprinzip „je kleiner, desto besser“, das die Branche bis heute prägt.

Die Brille: der entgegengesetzte Weg

Die Brille nahm im selben Zeitraum eine fast spiegelverkehrte Entwicklung. Das österreichische Unternehmen Silhouette, 1964 von Arnold und Anneliese Schmied gegründet, formulierte früh ein Ziel, das rückblickend programmatisch wirkt: die Brille zu einem „Accessoire für besseres Sehen und Aussehen“ zu machen. Als Wendepunkt gilt häufig das randlose Modell „Futura“ von 1974, das unter anderem von Elton John getragen wurde und maßgeblich dazu beitrug, dass Brillen als Modeaccessoire wahrgenommen wurden statt nur als notwendiges Hilfsmittel.

Heute kauft man Brillen in Boutiquen, wählt Fassungen nach Gesichtsform und Stilrichtung aus und wechselt sie wie ein Kleidungsstück. Hörgeräte werden dagegen bis heute überwiegend in medizinischen Fachgeschäften und Hörakustik-Studios angepasst – ein Kontext, der das Produkt von vornherein in die Nähe einer Diagnose statt eines Gestaltungsobjekts rückt. Die Technik unterscheidet sich kaum, der Rahmen, in dem sie verkauft und wahrgenommen wird, aber erheblich.

Was passiert, wenn Hörtechnik plötzlich alltäglich aussieht

Ein Experiment aus jüngerer Zeit liefert einen interessanten Testfall dafür, wie stark Design und Wahrnehmung zusammenhängen. Ein Team um Yen-Fu Cheng vom Taipei Veterans General Hospital und Ying-Hui Lai von der National Yang Ming Chiao Tung University verglich 2022 in der Fachzeitschrift iScience, wie gut verschiedene Geräte bei 21 Personen mit leichtem bis mittelschwerem Hörverlust funktionierten: gar kein Gerät, ein einfaches Hörgerät, ein Premium-Hörgerät sowie Apples AirPods 2 und AirPods Pro, verbunden über die „Live Listen“-Funktion.

In ruhiger Umgebung schnitten die AirPods Pro etwa so gut ab wie das einfache Hörgerät und nur wenig schlechter als das Premiumgerät; sie erfüllten vier von fünf elektroakustischen Kriterien der Norm ANSI/CTA-2051. In lauter Umgebung hielten sie mit den Premiumgeräten mit, allerdings nur, wenn der Störschall von der Seite kam. Preislich lagen die AirPods zum Zeitpunkt der Studie bei 129 bis 249 US-Dollar, einfache Hörgeräte bei rund 1.500 und Premiumgeräte bei bis zu 10.000 US-Dollar.

Interessant ist weniger die technische Leistung selbst als die Einordnung der Forschenden: Weil AirPods nicht als medizinisches Gerät erkennbar sind und im Gegenteil als modisches Alltagsobjekt gelten, sinkt für viele Menschen die Hemmschwelle, sie überhaupt zu benutzen. Wenige Monate vor der Studie hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA im August 2022 außerdem eine eigene Kategorie für rezeptfreie Hörgeräte geschaffen – ein regulatorischer Schritt, der zusätzlich zu den sinkenden Kosten auch das Erscheinungsbild der Geräte verändern dürfte, da nun auch Unterhaltungselektronik-Hersteller in den Markt drängen.

Ein wachsender Bedarf

Die Frage, wie Hörhilfen gestaltet und wahrgenommen werden, wird in den kommenden Jahrzehnten wichtiger, nicht unwichtiger. Der „World Report on Hearing“ der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2021 geht davon aus, dass bis 2050 knapp 2,5 Milliarden Menschen weltweit – etwa jeder Vierte – einen gewissen Grad an Hörverlust haben werden. Mindestens 700 Millionen Menschen werden dann Zugang zu Ohr- und Hörversorgung sowie Rehabilitationsangeboten benötigen, sofern sich an der heutigen Versorgungslage nichts ändert.

Da Hörverlust so eng mit dem Lebensalter zusammenhängt, wie es die NIDCD-Zahlen oben zeigen, bedeutet eine älter werdende Weltbevölkerung automatisch mehr Menschen, die vor derselben Entscheidung stehen wie heute: ein Gerät tragen, das auffällt, oder lieber auf Hörvermögen verzichten. Wie diese Entscheidung ausfällt, hängt nach aller vorliegenden Forschung nicht nur von der Hörleistung des Geräts ab, sondern maßgeblich davon, wie es sich im eigenen Leben anfühlt, es zu tragen.

Wo die Studienlage vorsichtig bleibt

Bei einem Thema, das sich so gut in eine griffige Erzählung fügt, lohnt sich Zurückhaltung. Stigma ist ein wichtiger, aber nicht der einzige und nicht durchgängig der wichtigste Faktor. In der Auswertung von McCormack und Fortnum standen wahrgenommener Nutzen und Tragekomfort vor dem Erscheinungsbild. Kosten und Zugang zu Fachpersonal bleiben – gerade außerhalb wohlhabender Länder – ein eigenständiges, oft größeres Hindernis, wie der WHO-Bericht mit Blick auf die Versorgungslücke in einkommensschwachen Regionen deutlich macht.

Auch die vieldiskutierte 65-Prozent-Zahl zur Ablehnung kostenloser Hörgeräte sollte, wie oben erwähnt, mit der gebotenen Vorsicht zitiert werden, da ihre ursprüngliche Methodik nicht öffentlich nachvollziehbar ist. Und selbst dort, wo Studien einen Zusammenhang zwischen Design beziehungsweise Stigma und Nichtnutzung finden, handelt es sich meist um Korrelationen aus Befragungen, nicht um Experimente, die zeigen, dass eine Neugestaltung allein die Nutzungsrate erhöhen würde. Das AirPods-Experiment ist ein Hinweis in diese Richtung, aber eine einzelne Studie mit 21 Teilnehmenden ersetzt keine groß angelegte Langzeituntersuchung.

Was das für Alltagsgegenstände bedeutet

Zusammengenommen zeichnen die Zahlen ein Bild, das über Hörgeräte hinausweist: Ob ein Gegenstand mit gesundheitlichem Bezug im Alltag tatsächlich benutzt wird, hängt nicht nur von seiner technischen Leistung ab, sondern auch davon, ob er sich anfühlt wie etwas, das zum eigenen Leben passt, statt wie ein Etikett, das man lieber nicht trägt. Die Brille hat diesen Weg früh und konsequent eingeschlagen. Beim Hörgerät zeigt sich erst in den letzten Jahren, befeuert durch branchenfremde Unterhaltungselektronik, eine ähnliche Entwicklung.

Genau an diesem Punkt setzt die Haltung an, mit der wir bei Oxionix an Alltagsgegenstände herangehen: Wir glauben, dass Objekte mit gesundheitlichem Bezug dieselbe gestalterische Sorgfalt verdienen wie jedes andere gut gemachte Ding im Haushalt – nicht als Ersatz für fachliche Beratung, sondern als Grundhaltung gegenüber Design im Alltag.

Häufige Fragen

Wie viele Menschen mit Hörverlust tragen tatsächlich ein Hörgerät?

Nach Angaben des NIDCD haben nur etwa 16 Prozent der 20- bis 69-Jährigen mit entsprechendem Hörverlust jemals ein Hörgerät benutzt, bei den über 70-Jährigen sind es weniger als 30 Prozent. Die Studie von McCormack und Fortnum (2013) kommt für die Gruppe der 55- bis 74-Jährigen auf eine Nichtnutzungsrate von rund 80 Prozent unter denjenigen, die von einem Gerät profitieren würden.

Ist Stigma der einzige Grund, warum Hörgeräte ungenutzt bleiben?

Nein. Mehrere Studien, darunter die Auswertung von McCormack und Fortnum, nennen wahrgenommenen Nutzen und Tragekomfort als häufigste Gründe. Stigma und Erscheinungsbild spielen eine belegte, aber keine alleinige Rolle – ebenso wie Kosten und der Zugang zu Fachpersonal.

Warum wurden Hörgeräte historisch so klein und unauffällig gestaltet?

Mit der Verfügbarkeit des Transistors ab den 1950er-Jahren verfolgte die Branche jahrzehntelang das Ziel, Geräte so unsichtbar wie möglich zu machen – von Brillenhörgeräten über Hinter-dem-Ohr-Modelle bis zu vollständig im Gehörgang verschwindenden Varianten. Bis 1996 wurden laut der Ausstellung „Deafness in Disguise“ rund 80 Prozent der in den USA verkauften Hörgeräte vollständig im Ohr getragen.

Können AirPods ein Hörgerät ersetzen?

Eine Studie im Fachjournal iScience (2022) zeigte, dass AirPods Pro bei leichtem bis mittelschwerem Hörverlust in ruhiger Umgebung ähnlich gut abschnitten wie ein einfaches Hörgerät. Das ist ein Forschungsergebnis, keine medizinische Empfehlung: Bei Verdacht auf Hörverlust bleibt eine audiologische Abklärung der richtige erste Schritt.

Wie hat sich die Brille zum Modeaccessoire entwickelt?

Ein wichtiger Wendepunkt war laut Brancheneinordnungen das Jahr 1964, als das österreichische Unternehmen Silhouette gegründet wurde, mit dem erklärten Ziel, Brillen zu einem Accessoire für „besseres Sehen und Aussehen“ zu machen. 1974 folgte mit dem randlosen Modell „Futura“ ein Design, das – auch durch prominente Trägerinnen und Träger wie Elton John – maßgeblich zur Wahrnehmung der Brille als Modeobjekt beitrug.

Wie viele Menschen werden 2050 von Hörverlust betroffen sein?

Die Weltgesundheitsorganisation schätzte 2021, dass bis 2050 weltweit knapp 2,5 Milliarden Menschen – etwa jeder Vierte – einen gewissen Grad an Hörverlust haben werden und mindestens 700 Millionen Menschen Zugang zu Hörversorgung benötigen.

Quellen