Eine Zahl, die die meisten Menschen überrascht: In einer bekannten US-Studie unter Nutzerinnen und Nutzern von Hilfsmitteln wurden 29,3 % aller erhaltenen Hilfsmittel komplett aufgegeben. Nicht verloren, nicht kaputt. Einfach nicht mehr benutzt. Fast jedes dritte Hilfsmittel für den Alltag landete im Schrank, in einer Schublade oder ganz hinten im Regal.
Die Studie von Betsy Phillips und Hongxin Zhao erschien 1993 in der Fachzeitschrift Assistive Technology und gehört bis heute zu den meistzitierten Arbeiten auf ihrem Gebiet. Spannend für alle, denen Gestaltung wichtig ist, ist dabei nicht nur die Zahl selbst, sondern die Frage, warum Menschen Hilfsmittel nicht nutzen. Viele der Gründe haben weniger damit zu tun, was ein Produkt kann, als damit, wie man sich damit fühlt.
Warum Hilfsmittel in der Schublade landen
Phillips und Zhao fanden heraus, dass das Aufgeben eng damit zusammenhing, ob die Betroffenen bei der Auswahl mitreden konnten und ob das Hilfsmittel mit der Zeit noch zu ihren Bedürfnissen passte. Spätere Forschung hat eine weitere Ebene ergänzt, die wohl jeder über vierzig intuitiv kennt: Wie ein Produkt aussieht, spielt eine Rolle.
Ein Scoping-Review von Arlene Astell und Kolleginnen aus dem Jahr 2020 in der Fachzeitschrift Ageing & Society hat untersucht, wie das Selbstbild älterer Menschen ihre Entscheidung für oder gegen Hilfsmittel prägt. Das Ergebnis ist deutlich: Menschen möchten unabhängig, selbstständig und kompetent wirken. Produkte, die wie ein Zeichen von Alter oder Gebrechlichkeit wirken, passen nicht zu diesem Bild. Viele Teilnehmende beschrieben solche Produkte als „letzten Ausweg“ und sagten, sie seien „noch nicht so weit“. Wenn sie beschrieben, was sie akzeptieren würden, wünschten sie sich Designs, die dezent und unauffällig sind.
Designforscher sind noch einen Schritt weiter gegangen und haben untersucht, was genau dieses Gefühl auslöst. Eine Studie im International Journal of Design von 2020 zu Gesundheits-Wearables für ältere Menschen nennt vier Gestaltungsfaktoren, durch die Produkte stigmatisierend wirken: fehlende Ästhetik, zu offensichtliche „Signale“, die jedem verraten, wofür das Gerät da ist, schlechte Bedienbarkeit und zu wenig Rücksicht auf Privatsphäre. Laut den Autoren kann diese Wahrnehmung dazu führen, dass Produkte abgelehnt oder aufgegeben werden, ganz unabhängig davon, wie nützlich sie sind.
Klinisches Design und wie wir uns zu Hause fühlen
Es gibt die verbreitete Annahme, dass klinische, krankenhausähnliche Umgebungen auf die Stimmung drücken, besonders im Alter. Hier lohnt sich Ehrlichkeit, denn die Studienlage ist differenzierter als die Annahme.
Einige Studien weisen durchaus in diese Richtung. Ein häufig zitiertes Beispiel ist die Auswertung der ersten „Green House“-Häuser in Tupelo im US-Bundesstaat Mississippi, die Rosalie Kane und Kollegen 2007 im Journal of the American Geriatrics Society veröffentlicht haben. Diese kleinen, bewusst wohnlich gestalteten Pflegehäuser wurden mit zwei klassischen Pflegeheimen verglichen. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Green-House-Häuser berichteten bei mehreren Messgrößen von einer besseren Lebensqualität und von höherem emotionalem Wohlbefinden, also etwa mehr Zufriedenheit und Vorfreude auf die Zukunft.
Gleichzeitig kam ein Cochrane-Review von 2022, das Studien zur baulichen Gestaltung von Pflegeeinrichtungen zusammengefasst hat, zu dem Schluss, dass die Beweislage insgesamt noch sehr unsicher ist. Anders gesagt: Es ist plausibel, dass die Umgebung eine Rolle spielt, und viele Menschen empfinden das auch so. Wie groß dieser Einfluss ist, hat die Wissenschaft aber noch nicht geklärt.
Recht eindeutig zeigt die Forschung dagegen das, worum es in der ersten Hälfte dieses Beitrags ging: Dinge, die sich anfühlen, als gehörten sie in unser Leben, behalten wir eher. Dinge, die uns ein Etikett verpassen, verstecken wir eher.
Was das für Design im Alltag bedeutet
Zusammengenommen legen diese Ergebnisse ein einfaches Prinzip für alles nahe, was täglich zu Hause benutzt werden soll: Gutes Design ist keine Dekoration, sondern eine Voraussetzung dafür, dass etwas überhaupt benutzt wird. Daraus ergeben sich ein paar praktische Fragen:
- Würde man es offen auf dem Tisch stehen lassen? Wenn ein Gegenstand nur funktioniert, wenn er sichtbar ist, muss er etwas sein, das man gerne im Wohnzimmer oder auf dem Nachttisch sieht.
- Drängt es sich auf? Grelle Farben, Warnsymbole und ein Krankenhaus-Look verraten jedem Besuch, wofür etwas da ist. Ruhige Materialien und vertraute Formen tun das nicht.
- Ist es einfach, ohne kindlich zu wirken? Klare, einfache Bedienung ist in jedem Alter wichtig, darf sich aber nie bevormundend anfühlen.
- Respektiert es die Privatsphäre? Was jemand darin aufbewahrt und wann er es benutzt, geht niemanden etwas an.
Warum uns das wichtig ist
Genau von diesen Fragen geht Oxionix aus. Wir glauben, dass eine Tablettenbox ein Gegenstand sein kann, den man gerne sichtbar stehen lässt, gemacht mit derselben Sorgfalt wie eine gute Lampe, eine schöne Uhr oder die Lieblingstasse. Nicht weil Aussehen alles wäre, sondern weil die Forschung oben nahelegt, dass wir die Dinge, die wir gerne um uns haben, auch tatsächlich weiter benutzen.
Oxionix ist kein Medizinprodukt und macht keine Gesundheitsversprechen. Es ist schlicht unser Versuch, einem Alltagsgegenstand das Design zu geben, das er verdient.
Häufige Fragen
Wie viele Hilfsmittel werden nicht mehr genutzt?
In der Studie von Phillips und Zhao (1993) wurden 29,3 % aller Hilfsmittel komplett aufgegeben. Die Zahlen schwanken je nach Studie und Art des Hilfsmittels, aber dass ein großer Teil ungenutzt bleibt, wurde seitdem vielfach bestätigt.
Warum nutzen ältere Menschen Hilfsmittel nicht?
Gründe sind unter anderem veränderte Bedürfnisse, fehlende Mitsprache bei der Auswahl und Stigmatisierung. Studien zeigen, dass viele Menschen Produkte meiden, die sie alt oder abhängig wirken lassen, und dezente Designs bevorzugen.
Beeinflusst eine klinisch wirkende Umgebung das Wohlbefinden?
Einige Studien, etwa die Green-House-Auswertung von 2007, fanden in wohnlich gestalteten Pflegeeinrichtungen ein höheres emotionales Wohlbefinden. Ein Cochrane-Review von 2022 bewertet die Beweislage insgesamt jedoch als sehr unsicher, die Frage ist also noch offen.
Quellen
- Phillips B, Zhao H. Predictors of assistive technology abandonment. Assistive Technology, 1993.
- Astell AJ, McGrath C, Dove E. "That's for old so and so's!": does identity influence older adults' technology adoption decisions? Ageing & Society, 2020.
- Li, Lee & Xu. Stigma Threat in Design for Older Adults: Exploring Design Factors that Induce Stigma Perception. International Journal of Design, 2020.
- Kane RA et al. Resident outcomes in small-house nursing homes: a longitudinal evaluation of the initial Green House program. Journal of the American Geriatrics Society, 2007.
- Cochrane Review. Physical environmental designs in residential care to improve quality of life of older people. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2022.

