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Kindersicher – und für viele Senioren unlösbar

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Eine Hand öffnet den Messingdeckel eines eleganten Glasgefäßes auf einer Holzablage in warmem Licht

Eine kleine braune Flasche, ein Deckel, der sich partout nicht drehen lässt, und am Ende hilft nur noch ein Küchenmesser oder ein Anruf bei der Tochter: Für viele ältere Menschen ist das Öffnen der eigenen Medikamentenverpackung ein tägliches kleines Ringen. Eine Stockholmer Bevölkerungsstudie hat genau das vermessen – und kam zu einem erstaunlich klaren Ergebnis: Fast jede dritte hochbetagte Person scheiterte beim Test an einem ganz gewöhnlichen kindersicheren Schnappdeckel. Kindersichere Verpackungen schwer zu öffnen zu machen war immer die Absicht der Hersteller. Nur hat dabei offenbar niemand genug an diejenigen gedacht, die diese Verpackungen am häufigsten in der Hand halten.

Das Thema wirkt auf den ersten Blick wie eine Randnotiz der Verpackungstechnik. Bei genauerem Hinsehen ist es aber ein Lehrstück darüber, wie gut gemeinte Sicherheitsvorschriften und schlecht durchdachtes Design am Ende genau die Menschen ausschließen können, für die ein Produkt eigentlich täglich gedacht ist.

Die Studie aus Stockholm: Was "schwer zu öffnen" wirklich bedeutet

Im Rahmen des sogenannten Kungsholmen-Projekts, einer großen bevölkerungsbasierten Langzeitstudie zum Altern in einem Stockholmer Stadtteil, untersuchten Anna Beckman, Cecilia Bernsten und ihre Kolleginnen und Kollegen 604 Menschen im Alter von 81 Jahren und älter (Durchschnittsalter 86,7 Jahre). Jede Testperson sollte drei unterschiedliche, in Apotheken gängige Verschlussarten öffnen: eine Schraubkappe, einen kindersicheren Schnappdeckel und eine Blisterverpackung.

Das Ergebnis, veröffentlicht 2005 im Fachjournal Pharmacy World and Science:

  • 14 Prozent der Teilnehmenden konnten die Schraubkappe nicht öffnen.
  • 32 Prozent scheiterten am kindersicheren Schnappdeckel – also fast jede dritte Person.
  • 10 Prozent kamen nicht aus der Blisterverpackung heraus.

Besonders betroffen waren Frauen, sehr alte Menschen, Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen sowie Personen mit Parkinson, rheumatoider Arthritis, eingeschränktem Sehvermögen oder kognitiven Einschränkungen. Und ein Detail aus der Studie bleibt besonders hängen: Von denjenigen, die zu Hause lebten und die Verpackung nicht öffnen konnten, erhielt nur gut ein Viertel tatsächlich Unterstützung bei der Medikamenteneinnahme. Die meisten standen mit dem Problem offenbar allein da.

Warum kindersichere Verpackungen ausgerechnet für Senioren schwer zu öffnen sind

Das Grunddilemma ist fast drei Jahrzehnte älter als die Stockholmer Studie. Schon 1983 beschrieben die britischen Rheumatologen Lisberg, Higham und Jayson im British Journal of Rheumatology, wie viele ihrer Patientinnen und Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen an handelsüblichen Arzneimittelverpackungen scheiterten. Fünf Jahre später fasste der Geriater Dennis Jahnigen das Problem im Journal of the American Geriatrics Society unter dem schlichten Titel "Problems with pill packaging" zusammen – ein Befund, der sich seitdem in zahlreichen weiteren Untersuchungen aus Europa und Nordamerika wiederholt hat.

Die Logik hinter kindersicheren Verschlüssen ist nachvollziehbar: Sie sollen verhindern, dass kleine Kinder versehentlich an Tabletten gelangen, und haben die Zahl schwerer Vergiftungsfälle bei Kindern seit ihrer Einführung in den 1970er-Jahren nachweislich deutlich gesenkt. Das Problem liegt in der Funktionsweise selbst: Ein kindersicherer Verschluss funktioniert in aller Regel, indem er zwei Bewegungen gleichzeitig verlangt – etwa Drücken und Drehen – und einen gewissen Kraftaufwand sowie eine stabile Griffkraft voraussetzt. Genau diese Kombination aus Feinmotorik, Kraft und Koordination nimmt mit zunehmendem Alter, bei Arthrose, Arthritis, Parkinson oder nach einem Schlaganfall häufig ab. Ein Mechanismus, der Kinder zuverlässig aussperren soll, sperrt damit tendenziell auch jene Erwachsenen aus, deren Hände nicht mehr so kräftig oder beweglich sind wie früher – und das sind, rein statistisch, besonders häufig genau jene Menschen, die täglich mehrere verschiedene Medikamente einnehmen müssen.

Ein Konflikt, der sich nicht einfach auflösen lässt

Wichtig ist dabei die Einordnung, dass es hier nicht um ein eindeutig "falsches" Design geht, das man einfach korrigieren könnte, ohne an anderer Stelle etwas zu verlieren. Kindersichere Verpackungen retten Leben: Untersuchungen zu ihrer Einführung in den USA gehen von einer Reduktion versehentlicher Vergiftungen bei Kindern um bis zu drei Viertel aus. Die ethische und gestalterische Herausforderung besteht also nicht darin, Kindersicherheit gegen Seniorenfreundlichkeit auszuspielen, sondern beides gleichzeitig zu erreichen. Genau diese Gleichzeitigkeit ist über Jahrzehnte oft nicht gelungen – meist, weil Testverfahren für kindersichere Verpackungen traditionell vor allem mit Kindern, kaum aber systematisch mit älteren oder in ihrer Griffkraft eingeschränkten Erwachsenen durchgeführt wurden.

Was Menschen tun, wenn die Packung einfach nicht aufgeht

Was passiert, wenn jemand regelmäßig an der eigenen Medikamentenverpackung scheitert? Die Forschung und Berichte von Patientenorganisationen zeichnen ein paar wiederkehrende Muster. Manche Menschen bitten Angehörige oder Nachbarn, ihnen die Packungen im Voraus zu öffnen. Andere füllen die Tabletten in andere, leichter zugängliche Gefäße um – wodurch der eigentliche kindersichere Schutz für Enkelkinder oder Besuch im Haus wieder verloren geht. Wieder andere verzichten vorübergehend auf eine Einnahme, weil das Öffnen gerade zu schmerzhaft oder zu mühsam ist, oder sie lassen eine bereits geöffnete Packung offenstehen, statt sie beim nächsten Mal erneut verschließen zu müssen.

Eine Erhebung der schwedischen Rheuma-Patientenorganisation Reumatikerförbundet unter ihren Mitgliedern – ausdrücklich nicht repräsentativ, aber als Stimmungsbild aufschlussreich – ergab, dass etwa jede fünfte befragte Person angab, täglich Schwierigkeiten beim Öffnen von Medikamentenverpackungen zu haben, und rund ein Viertel schon einmal deswegen auf eine Einnahme verzichtet hatte. Solche Selbstauskünfte lassen sich nicht mit der methodischen Strenge einer bevölkerungsbasierten Studie wie der aus Stockholm vergleichen, decken sich aber auffällig mit deren Grundaussage: Das Problem ist real, es betrifft ausgerechnet Menschen mit chronischen Erkrankungen besonders stark, und es bleibt oft unsichtbar, weil kaum jemand freiwillig darüber spricht, dass er oder sie an einer simplen Verpackung gescheitert ist.

Die Geschichte von OXO Good Grips: Wie ein Kartoffelschäler eine Designbewegung auslöste

Dass sich Griffprobleme mit guter Gestaltung lösen lassen, ohne Sicherheit zu opfern, zeigt eine der bekanntesten Episoden der modernen Produktgeschichte – auch wenn sie nicht aus der Pharmaziewelt, sondern aus der Küche stammt. Ende der 1980er-Jahre beobachtete der pensionierte Unternehmer Sam Farber in der gemeinsamen Ferienwohnung in der Provence, wie seine Frau Betsey, die an Arthritis in den Händen litt, mit einem gewöhnlichen Kartoffelschäler kämpfte. Der dünne Metallgriff lag ihr nicht gut in der Hand und verursachte Schmerzen.

Farber, der zuvor das Kochgeschirr-Unternehmen Copco gegründet hatte, erkannte darin ein größeres Muster: Küchenwerkzeuge hatten sich über Jahrzehnte kaum verändert, obwohl ein erheblicher Teil der Nutzerinnen und Nutzer – ältere Menschen, Menschen mit Arthritis oder eingeschränkter Handkraft – mit genau diesen Formen schlecht zurechtkam. Zusammen mit dem New Yorker Designbüro Smart Design entwickelte er eine neue Linie von Küchenwerkzeugen: ovale, dickere Griffe aus einem rutschfesten, temperaturbeständigen Kunststoff, die auch bei nasser Hand und eingeschränkter Kraft sicher und schmerzfrei zu halten waren. 1990 kam die erste Generation der "Good Grips"-Linie auf den Markt, entwickelt für Nutzerinnen und Nutzer "aller Altersgruppen und Fähigkeiten", wie es im Entwicklungsprozess hieß.

Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte, die im Smithsonian-Designmuseum Cooper Hewitt dokumentiert ist: Die Werkzeuge wurden nicht als Hilfsmittel für eine kleine Zielgruppe vermarktet oder gestaltet, sondern schlicht als besseres Design für alle. Genau das machte sie zu einem kommerziellen Erfolg weit über die ursprüngliche Zielgruppe hinaus – Menschen ohne Arthritis griffen ebenso gern zu den bequemen Griffen wie Menschen mit eingeschränkter Handkraft. Diese Beobachtung – dass Gestaltung, die für Menschen mit besonderen Einschränkungen funktioniert, am Ende häufig für alle angenehmer ist – wurde später zu einem zentralen Baustein dessen, was heute als "Universal Design" bezeichnet wird.

Universal Design: sieben Prinzipien aus North Carolina

Fast zur gleichen Zeit, 1997, formulierte eine Arbeitsgruppe aus Architekten, Produktdesignerinnen und Ingenieuren an der North Carolina State University unter Leitung des Architekten Ronald Mace sieben Prinzipien für Universal Design – darunter "einfache und intuitive Nutzung", "geringer körperlicher Aufwand" und "Fehlertoleranz". Mace, der selbst nach einer Polioerkrankung im Rollstuhl saß, formulierte den Gedanken so, dass Gestaltung von vornherein für die Bandbreite menschlicher Fähigkeiten gedacht werden sollte, statt nachträglich "barrierefrei" angepasst zu werden. Ein kindersicherer Medikamentenverschluss, der gleichzeitig wenig Kraft und keine komplexe Fingerfertigkeit verlangt, wäre im Sinne dieser Prinzipien kein Widerspruch, sondern genau die Aufgabe, für die gutes Design gemacht ist.

Was moderne Verpackungsentwicklung heute leisten kann

Dass sich der eingangs beschriebene Zielkonflikt zwischen Kindersicherheit und Seniorenfreundlichkeit technisch lösen lässt, zeigt ein Projekt des Georgia Tech Research Institute. Der Produktforscher Brad Fain und sein Team arbeiteten ab 2011 mit dem Pharmaunternehmen Pfizer an einem neuen Verschlusssystem für ein Rheuma-Medikament. Mit speziell entwickelten Handschuhen, die die eingeschränkte Greif- und Drehkraft von Menschen mit Arthritis simulieren, maßen die Forschenden, wie viel Druck- und Drehkraft eine Person mit Arthritis realistischerweise noch aufbringen kann – und entwarfen auf dieser Datenbasis eine Flasche mit flachen statt runden Seiten, die sich beim Drehen nicht in der Hand mitdreht, sowie einen gummierten Verschlussdeckel mit mehr Reibung. Das Ergebnis erhielt die Ease-of-Use-Auszeichnung der US-amerikanischen Arthritis Foundation – ohne dabei die gesetzlich vorgeschriebene Kindersicherheit zu verlieren.

Der Projektleiter brachte die Erkenntnis auf eine einfache Formel: Viele Menschen glauben, kindersicher bedeute automatisch schwer für Senioren zu öffnen. Mit sorgfältiger Gestaltung lasse sich aber beides vereinbaren. Das deckt sich mit dem, was die Stockholmer Studie und die Universal-Design-Bewegung im Grunde beide zeigen: Das Problem liegt selten in der Sicherheitsanforderung selbst, sondern in Gestaltungsentscheidungen, die bei der Entwicklung nicht ausreichend an die tatsächliche Bandbreite der Nutzerinnen und Nutzer gedacht haben.

Warum Sichtbarkeit, Form und Ästhetik beim Thema Gesundheit mitentscheiden

Ein Aspekt, der in der reinen Kraft- und Griffdebatte oft untergeht, ist die gestalterische und emotionale Seite von Gegenständen, die mit Krankheit oder Alter assoziiert werden. Verpackungen und Hilfsmittel, die unübersehbar "medizinisch" oder klinisch aussehen, werden von vielen Menschen ungern offen sichtbar in der Küche, im Bad oder auf dem Nachttisch stehen gelassen – unabhängig davon, ob sie sich leicht öffnen lassen oder nicht. Design-Forschende sprechen hier von einem Zusammenspiel aus Funktion und Identität: Ein Objekt, das täglich benutzt wird, sendet auch eine Botschaft darüber, wie seine Nutzerin oder sein Nutzer sich selbst sieht. Die OXO-Geschichte liefert dafür ein anschauliches Gegenbeispiel: Weil die Good-Grips-Werkzeuge bewusst nicht wie medizinische Hilfsmittel, sondern wie hochwertige, moderne Küchenutensilien gestaltet wurden, nutzten sie Menschen mit und ohne Einschränkung gleichermaßen gern und offen – ein Effekt, der nachträglich oft als Blaupause für alltagstaugliches, unaufdringliches Design jenseits der Küche herangezogen wird.

Was sich aus beiden Geschichten lernen lässt

Stellt man die Stockholmer Studie neben die Geschichte von OXO und das Pfizer-Projekt, ergibt sich ein stimmiges Bild: Schwierigkeiten beim Öffnen von Verpackungen sind kein Randphänomen einzelner Betroffener, sondern ein messbares, gut dokumentiertes Muster, das mit zunehmendem Alter wahrscheinlicher wird. Gleichzeitig ist es kein Naturgesetz, dass Sicherheit und Zugänglichkeit sich gegenseitig ausschließen müssen. Wo Gestalterinnen und Ingenieure die tatsächliche Bandbreite der Hände, die ein Produkt benutzen werden, von Anfang an mitdenken, lässt sich beides erreichen – und das Ergebnis wirkt am Ende oft für niemanden wie ein Kompromiss, sondern einfach wie gutes Design.

Häufige Fragen

Wie viele ältere Menschen können laut der Stockholmer Studie keinen kindersicheren Verschluss öffnen?

In der 2005 veröffentlichten Untersuchung von Beckman, Bernsten, Parker, Thorslund und Fastbom scheiterten 32 Prozent der 604 untersuchten Personen im Alter von 81 Jahren und älter am kindersicheren Schnappdeckel, 14 Prozent an einer Schraubkappe und 10 Prozent an einer Blisterverpackung.

Warum sind gerade kindersichere Verschlüsse für ältere Menschen schwierig?

Kindersichere Mechanismen verlangen meist zwei gleichzeitige Bewegungen, etwa Drücken und Drehen, sowie eine gewisse Griffkraft und Feinmotorik. Erkrankungen wie Arthritis, Arthrose, Parkinson oder die Folgen eines Schlaganfalls können genau diese Fähigkeiten einschränken, sodass ein Mechanismus, der Kinder zuverlässig aussperren soll, auch ältere Erwachsene ausschließen kann.

Bedeutet das, kindersichere Verpackungen sollten abgeschafft werden?

Nein. Kindersichere Verschlüsse haben die Zahl versehentlicher Vergiftungen bei Kindern seit ihrer Einführung deutlich reduziert und erfüllen weiterhin einen wichtigen Sicherheitszweck. Projekte wie die Zusammenarbeit zwischen Pfizer und dem Georgia Tech Research Institute zeigen aber, dass sich Kindersicherheit und Seniorenfreundlichkeit mit sorgfältiger Gestaltung durchaus miteinander vereinbaren lassen.

Was hat der Kartoffelschäler von OXO mit diesem Thema zu tun?

Die Entstehungsgeschichte von OXO Good Grips zeigt, wie ein Alltagsproblem einer einzelnen Person mit eingeschränkter Handkraft – in diesem Fall Betsey Farbers Arthritis – zum Ausgangspunkt für eine ganze, bis heute einflussreiche Designbewegung wurde, die besseres Greifen und Bedienen für alle Nutzergruppen zum Ziel hat.

Was können Betroffene oder Angehörige konkret tun, wenn eine Verpackung regelmäßig Probleme macht?

Apotheken dürfen in begründeten Einzelfällen auf ausdrücklichen Wunsch auch Verpackungen ohne kindersicheren Verschluss abgeben, sofern im Haushalt keine kleinen Kinder leben; ein Hinweis beim Apothekenpersonal ist dafür meist der erste und einfachste Schritt. Daneben helfen mitunter einfache Hilfsmittel wie Deckelöffner oder das Umfüllen bereits dosierter Mengen in separate, leicht zugängliche Behälter – wobei Letzteres mit Blick auf Kindersicherheit im Haushalt sorgfältig abgewogen werden sollte.

Ausblick

Genau an diesem Punkt setzt die Idee hinter der bei Oxionix geplanten smarten Pillenbox Etui an: Sie soll Medikamente, die ohnehin bereits aus der Originalverpackung entnommen wurden, geordnet und griffbereit vorhalten – damit das tägliche Ringen mit einem kindersicheren Verschluss im besten Fall nur noch einmal pro Füllung nötig ist, statt bei jeder einzelnen Einnahme. Wie genau eine solche Lösung aussehen könnte, ist nach aktuellem Planungsstand noch in Entwicklung. Mehr zum geplanten Produkt gibt es im Journal-Artikel zur smarten Pillenbox Etui: Die smarte Pillenbox Etui: Das steckt drin.

Quellen